Sehnsüchtiger Blick zum Lake Coleridge

Schon der Tagesbeginn ist an diesem Morgen äußerst vielversprechend. Nach dem einen Tag mit schlechtem Wetter gestern scheint heute schon wieder die Sonne vom wolkenlosen Himmel – Zeit, Grumpy’s Retreat zu verlassen und in Richtung Arthur’s Pass aufzubrechen. Obwohl ich recht früh aufstehe, zieht es sich dann aber doch, bis ich endlich kurz vor 10 Uhr losfahren kann. Die Fahrt durch die Canterbury Plains ist wie schon vorgestern von Tekapo kommend eher wenig abwechslungsreich, denn die Straßen sind durch die Ebene absolut kerzengerade trassiert. Lediglich der Blick auf die Voralpengipfel linker Hand bietet ein wenig Abwechslung.

Rakaia Gorge

Die ersten wirklichen Höhenunterschiede des Tages überwinde ich an der Rakaia Gorge, einer recht eindrucksvollen Schlucht, die vom Rakaia River durchflossen und von der Straße auf zwei wie üblich einspurigen Brücken überquert wird. Bei einem kurzen Fotohalt stelle ich fest, dass der in diesem Bereich relativ flach verlaufende Fluss rege für Jetbootfahrten genutzt wird. Jetzt weiß ich auch endlich, wo die ganzen Autofahrer mit ihren Booten auf Anhängern hinwollten, die mich zuvor mit teils waghalsigen Manövern überholt haben.

Jetboote in der Rakaia Gorge

Abstecher zum Lake Coleridge

Wirklich lange halte ich es in der Schlucht nicht aus, sodass ich schon wenig später eine Abzweigung erreiche, die meine Aufmerksamkeit weckt. Eine Straße führt von hier zum Lake Coleridge, einem See im Voralpengebiet, der wie so oft auch zur Stromerzeugung genutzt wird. Eigentlich habe ich den See im Vorfeld gar nicht auf dem Radar gehabt. Die auf den Karten eingezeichneten Straßen sehen eher nach kleinen Gebirgsrouten aus, die neuseelandtypisch natürlich nur geschottert sein dürften. Laut einer Infotafel mit Übersichtskarte am Straßenrand trifft das auch auf die meisten Verbindungen zum See zu, zu meinem Erstaunen ist allerdings die Straße vom kleinen Weiler Windwhistle, an dem ich mich befinde, zum Lake Coleridge als asphaltierte Straße eingezeichnet. Na gut, die 20 Kilometer Umweg sind ja nicht die Welt, und Zeit habe ich auch noch mehr als genug. Also auf zum Lake Coleridge.

Nach einer guten Viertelstunde Fahrt auf der teilweise recht engen, aber doch gut ausgebauten Straße treffe ich erst einmal keinen See an, dafür aber das Kraftwerk am Ende des Lake Coleridge Village. Tja, wenn das Kraftwerk dort ist, kann der See ja auch nicht weit sein. Oder so. Meine Karte spricht da allerdings eine andere Sprache. Der Zugang zum See erfolgt zu meiner Überraschung gar nicht von diesem Dorf aus, sondern über eine andere Straße, die schon einige Kilometer vor dem Ort abzweigt. Aber gut, die Abzweigung ist schnell gefunden und so bin ich guter Dinge, den See recht schnell zu erreichen. Der Blick auf die umliegenden hohen Berge ist jedenfalls schon mal recht imposant.

Kraftwerk am Lake Coleridge

Doch dann kommt es natürlich wieder, wie es kommen muss

Doch dann kommt es natürlich wieder, wie es kommen muss. Auf halber Strecke, mitten im Nirgendwo, geht die Straße wieder in eine Schotterpiste über. Ich hätte es mir denken können. Warum bauen die Neuseeländer ihre Straßen bloß nie fertig und hören immer kurz vor dem Ziel auf? Ich verstehe es auch nach fast sieben Wochen immer noch nicht. Also, was tun? Es ist einfach zu ärgerlich, dass ich diese Straßen mit dem Mietwagen nicht fahren darf. Und nach den ganzen Pannen habe ich auch keine Lust mehr, noch irgendetwas zu riskieren. Wenn ich vorher gewusst hätte, dass man so viele Orte in Neuseeland nur über Schotterstraßen erreicht, hätte ich wohl einen anderen Anbieter ausgewählt.

Ein Blick auf die Karte gibt mir aber wieder etwas Hoffnung, denn nach etwa einem Kilometer sollte zumindest ein Teil des Sees in Sichtweite kommen. Besser als nichts, so weit werde ich daher noch fahren. Gesagt, getan, und nach kurzer Zeit kommt der See tatsächlich in Sichtweite, aber wirklich herausragend ist der Blick nicht. Die restlichen zehn Kilometer auf der mehr als holprigen „gravel road“ zu fahren, hat aber auch keinen Sinn, sodass ich etwas enttäuscht wieder den Rückweg antrete.

Straße zum Lake Coleridge

Blick auf den Lake Coleridge

Mit Volldampf in den Arthur’s Pass National Park

In der Nähe von Sheffield biege ich eine halbe Stunde später schließlich auf den SH 73 ein, jene Straße, die von Christchurch über den Arthur’s Pass nach Greymouth führt und meine weitere Route für den heutigen Tag darstellt. Springfield ist der letzte Ort auf der östlichen Passseite, wo ich meine Mittagsrast auf einem kleinen schattigen Parkplatz einlege. Viel gibt es in dem Dorf nicht zu bestaunen, lediglich einige Bäume mit herbstlichem Laub posieren für ein paar Fotos. Morgen möchte ich hier auf dem Rückweg auf dem örtlichen Campingplatz übernachten.

Parkanlage in Springfield auf dem Weg in den Arthur's Pass National Park

Heute geht es aber noch ein gutes Stück weiter in Richtung Westen. Während die Berge anfänglich noch klein und unscheinbar am Horizont ihr Dasein führen, wird die Landschaft mit jeder Minute schroffer und interessanter. Auch die Straße verläuft jetzt nicht mehr nur geradeaus, vielmehr sind die ersten langgezogenen Kurven und Steigungen auszumachen. Wie so oft in Neuseeland ist die Passfahrt zum Arthur’s Pass keine kontinuierlich ansteigende Angelegenheit, sondern ein stetiges Auf und Ab über Hügel und Senken. Immer wieder laden neue Ausblicke zum Anhalten und Fotografieren ein, immer wieder ergeben sich neue Perspektiven auf die Berge des Arthur’s Pass National Park. Dieser ist mein 13. und letzter neuseeländischer Nationalpark, den ich betrete. Nur die Stewart Island und ihren Nationalpark habe ich ausgelassen.

Straße zum Arthur's Pass

Übernachtung am Lake Pearson

Den Höhepunkt der Fahrt auf der stark frequentierten Straße, die Passhöhe, hebe ich mir aber für morgen auf. Am Lake Pearson, rund 30 Kilometer vor der höchsten Stelle der Straße, werde ich auf einem kostenlosen Campingplatz den Abend und die Nacht verbringen. Mein letzter DOC-Campingplatz auf dieser Reise. Da kann man schon mal etwas wehmütig werden! Ich komme genau richtig, um nach einer kurzen Pause den Sonnenuntergang am See bestaunen zu können, der jedoch recht kurz ausfällt, da die Sonne schnell hinter den umliegenden Berggipfeln verschwindet. Im Anschluss bereite ich mir mein Abendessen zu, das wie auch in den kommenden drei Tagen auf Resteverwertung optimiert ist. Meine drei verbliebenen Kartoffeln, eine Packung Nudeln, einen Rest Schinken und Sahne verarbeite ich zu Älplermagronen. Und sogar noch ein halbes Glas Apfelmus steht bereit, es ist also ein echt traditionell-eidgenössischer Abend heute!

Lake Pearson im Arthur's Pass National Park

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